Die Hitler-Liste (Ein Projekt von 2010/2011)

Einleitendes zum Projekt

Ich gehöre zu einer Generation, deren Eltern und Großeltern, Lehrer und Erzieher den Zweiten Weltkrieg und die Zeit unter Hitler erlebt haben.  Manche der Zeitzeugen waren höchstgradig traumatisiert, ohne darüber zu sprechen. Man sprach nicht über Erlebnisse, die eigenen Gefühle, die Ratlosigkeit nach dem Krieg. Manche schwiegen also für immer; manche – wie mein Vater – gehörten zu den Unbelehrbaren, die sich Hitler zurück wünschten und andere – wie viele meiner Lehrer/innen auf dem Gymnasium – nahmen sich vor, als Multiplikatoren zu wirken, also so viel wie möglich über den Krieg, Hitler und die Folgen zu unterrichten. Mit großen Augen lauschten wir diesen Lehrern; was sie erzählten war unfassbar Grausames. Unfassbar. Unverständlich.

Kann man die Zeit unter Hitler verstehen ? Versuchen wollte ich das.

Als junge Erwachsene fing ich an, immer wieder Bücher über den Zweiten Weltkrieg zu lesen, ich besuchte KZ-Gedenkstätten und Ausstellungen. Wenn möglich, sah ich jede Dokumentation zum Thema im Fernsehn. Ich bin sozusagen von Guido Knopp sozialisiert. Hitler, Hitler, Hitler.  Mein Bedarf, mich über das Thema zu informieren und zu reden, schien endlos.

Das Projekt

In Beschäftigung mit mir selbst, fiel mir auf, wie oft in meinem Sprachgebrauch das Wort/Thema „Hitler“ auftauchte. Ich kam auf die Idee, eine Liste zu führen : Ich wollte ein Jahr lang zählen, wie oft ich das Wort „Hitler“ sage.
Das verkündete ich am  29. Juli 2010 meinen paar Followern auf Twitter  :
hitler-listeund begann, eine „Hitler-Liste“ zu führen. Dies war ein einfaches Blatt Papier. Ich notierte darauf den Start des Projektes und machte für jedes Mal, wenn ich in einem Gespräch „Hitler“ gesagt hatte, einen Stich auf die Liste. Diese Liste trug ich immer bei mir.

Auswirkungen des Projektes :

  • Um die Liste möglichst genau zu halten, wies ich Freunde auf das Projekt hin mit der Bitte, mitzuzählen. Dabei erwähnte ich einmal das Wort „Hitler“ und versuchte mich dann an Umschreibungen, um die Liste nicht zu sehr zu verfälschen. Freunde kritisierten die Liste und das Projekt als zu subjektiv; allein das Sprechen über das Projekt, lasse mich zu oft das Wort „Hitler“ sagen.
  • Ich bemerkte jedoch im Laufe der Zeit, wie ich das Wort „Hitler“ versuchte, zu umgehen, andere Formulierungen wählte, manchmal flappsig wurde und Harry-Potter-gleich von dem sprach, „dessen Namen ich nicht aussprechen“ wolle.
  • Freunde fingen ebenfalls an, das Wort im Gespräch mit mir nicht mehr zu sagen.
  • Das Thema „Hitler“ begann, in den Hintergrund zu treten, sowohl in meiner Gedankenwelt, als auch bei den Dingen, die ich so zu besprechen hatte.
  • Dann aber wiederum gab es Phasen, wo es geradezu aus mir herausplatzte; provokativ und fast in einer Art Performance sagte ich das Wort „Hitler“ gleich mehrere Male hinter einander; um es dann wieder für Tage ruhen zu lassen.
  • Die Liste füllte sich und bestätigte mir, was ich vermutet hatte : Ich sagte sehr oft „Hitler“ in diesem einen Jahr – selbst wenn ich mich absichtlich bemühte, das Wort weniger zu sagen.

Nach  11 Monaten „Hitler-Liste“ :

Am 30. Juni 2011 „schloß“ ich die „Hitler-Liste“. Mir reichte es und ich zählte nach :

hitlerliste-klein

  • Ich habe in 11 Monaten 238 mal „Hitler“ gesagt ! Das macht pro Monat 21,6 mal ! Und in der Woche grob 5 mal !
  • Mir ist klar, dass diese Liste subjektiv ist; aber ich denke, die Male, in denen ich das Wort bewußt gesagt habe, um mein Projekt zu erklären und die Male, in denen ich das Wort bewußt nicht gesagt habe, um keinen weiteren Strich auf meine Liste machen zu müssen,  halten sich in etwa die Waage.

Mir fällt auf, dass das Thema bei mir nicht mehr so im Vordergrund steht. Dokus im Fernsehen kann ich wegschalten. Ich bin des Themas müde. Ich habe in meinem Leben so viel davon gehört, gelesen und gesehen, dass ich das Gefühl habe, es ist nun genug. Der Schrank ist voll, alle Schubladen belegt. Es ist Zeit, ihn zu schließen.
Ab und zu schaue ich wieder hinein, aber es ist viel weniger geworden als in der Zeit vor der „Hitler-Liste“. Und Guido Knopp verkündet 2012, er gehe in Ruhestand. Danke ! (Nimm dies zur Verabschiedung : „Rainald Grebe – Guido Knopp„)

Nachbemerkung : „Hitler“ in der heutigen Sprache, betrachtet bei Twitter

Im Jahr 2012 fällt mir erstmalig auf, dass jemand etwas nicht gut findet und es „hitler“ nennt. Beispiel : „Das-und-das ist ja so ‚hitler'“.

Hier ein paar Tweets dazu von Anfang Januar 2013 :

hitler1

hitler2

hitler3

hitler4

DAS FIND‘ ICH JA  ECHT HITLER !

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7 Gedanken zu „Die Hitler-Liste (Ein Projekt von 2010/2011)

  1. first of all/off topic: interessante, spannende projekte 🙂
    on topic: das „hitler“ jetzt als adjektiv verwendet wird um auszudrücken das etwas scheiße ist, war mir neu. in welchem kontext ist das wort in deinem sprachgebrauch immer aufgetreten? immer in verbindung mit geschichte oder auch unabhängig davon? (also ich will jetzt nicht neugierig wirken, bin ich aber 😀 aber du musst das auch net beantworten, whatever pleases yout)

    • Grüß Dich, danke fürs Lesen und Fragen : Ich habe in der Zeit vorm Projekt und während des Projektes 2010/2011 immer von Hitler als Person und seine Folgen gesprochen. Dass das nun als Adjektiv benutzt wird, war mir bis 2012 auch neu.

  2. Interessante Idee.
    Ich versuche meistens den Namen zu vermeiden und spreche eher vom österreichereischen Straßenmaler. Aus dem leicht esoterischen Gedenken heraus das man durch die Nennung eines Namen der Person eine Art von Aufmerksamkeit und Macht (oder Ruhm) schenkt die ich diesem Herrn gerne vor enthalten möchte.

  3. Ich sehe es ähnlich. Man kann es auch übertreiben, mit dem „nicht-vergessen-wollen/sollen/dürfen“. Reicht es nicht schon, dass der Typ einer der bekanntesten Menschen der Welt ist? (In den hintersten Winkeln der Erde wird man auf ihn angesprochen).
    Es ist Zeit, ihn ein für allemal ruhen zu lassen. Und die Öffentlich-Rechtlichen könnten, statt der täglichen Hitler-Weltkriegs-Berichterstattung, mal andere Wege einschlagen, mit unseren Milliarden an Gebühren…

    • Hallo, danke für Deine Anmerkung. Ich kann sie aber so nicht unterschreiben. In meinem Projekt habe ich mich beobachtet und in den Mittelpunkt gestellt. Ich habe danach für mich beschlossen, ich kann das Thema loslassen. Das bedeutet aber nicht, dass ich der Meinung bin, über Hitler solle nicht mehr gesprochen oder unterrichtet werden ! Ich habe aufgehört, mich damit wie ein Schwamm vollzusaugen; nichtsdestotrotz ist es wichtig, weiter über das Thema zu reden. Vorallem mit nachfolgenden Generationen oder in den hintersten Ecken der Welt. 🙂

      • Ich glaube, ich weiß, was Du meinst. Allerdings sehe ich es ähnlich wie Antara. Wenn man sehr vehement GEGEN etwas ist oder gar kämpft, stärkt man es ungewollt doch. Mein Weg ist vehement FÜR die bessere Alternative zu sein. Meine Kräfte ins Positive zu lenken.
        Wie heißt es noch so schön? „Wie können wir Frieden in die Welt bringen, wenn wir keinen Frieden in uns haben?“ Oder so ähnlich 😀

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